Kunst in der Kirche
Im Rahmen der Umgestaltung und Innenrenovierung unserer Kirche im Jahre 1995 durch die Architekten Bertram Perlia und Jacob Kierig wurde der Altarraum neu gestaltet. Professor Ben Willikens konnte für die Gestaltung des Altarbildes, beziehungsweise der gesamten Westwand gewonnen werden.
Ben Willikens wurde 1939 in Leipzig geboren. Nach dem Krieg bezog seine Familie ein leer stehendes altes Hotel in der Gegend von Kassel. Dieses Kindheitserlebnis hat sich in seinem späteren Schaffen ganz entscheidend niedergeschlagen: Er sah den leeren Raum als Synonym für Isolation.
Sein Studium absolvierte er in den Jahren 1962-1967 an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart bei Heinz Trökes. Bald nach seinem Studium folgten die ersten Preise: Villa-Romana-Preis, Florenz 1970; Villa-Massimo-Preis, Rom 1972 und der Hans-Molfenter-Preis 1983 in Stuttgart. Verschiedene Einzelausstellungen seiner Werke machten ihn in den folgenden Jahren bekannt, ehe er 1991 eine Professur für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München erhielt.
Das Untergeschoss bleibt im dunklen Grau – den kalten Schatten – dem Kerker mit seinen Angst einflößenden Schächten und freiheitsberaubenden Gittern. Graue Asche – Abgrund – in die Grube geworfen. Pascal: irdisches Leben in einem Loch, in einer Grube. Auf gotischen Altären ist es die Leidenszone – die Predella. Das Lebensgefühl vieler Menschen entspricht diesem Empfinden von Verlorenheit, Preisgegebenheit, In-den-Abgrund-gestoßen-sein. Das Dunkel, das Grau wird nicht gespiegelt. Das Gedächtnis der Leiden – die „memoria passionis“ gestern und heute muss in Erinnerung bleiben. Es darf nicht durch Klischees der Verharmlosung in die Vergessenheit absinken. Die blutende Wunde der Gottesfrage und die Frage: „Wo ist dein Bruder?“ Sie schauen uns bedrohlich aus dem Untergeschoss an.
Das Obergeschoss: Der Betrachter bleibt nicht gefangen im Dunkel. Der Blick wird durch die gemalte Architektur des Raumes emporgehoben in eine imaginäre menschenleere Wandelhalle, die von zwei Säulen durchzogen ist. (Jachin und Boas – Gott verleiht Festigkeit.) Aus vier seitlich angebrachten Öffnungen strömt irreales Licht herein. Die Leere bannt und fordert heraus: Keine Christusdarstellung, kein Heiligenbild, kein christliches Symbol gibt Orientierung. Können wir der Leere standhalten? Kann heute nur jener Gott erfahren, der den Platz für ihn leer sein lässt? „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – hier wurde es radikal realisiert.
Haben Glaubende die Kraft, anzuerkennen, dass die alten Gottesbilder, dass der oft herbeizitierte Gott der Tradition verschwunden ist – dass die überlieferten Glaubensformen und Glaubensformeln zerbrochen sind und die Welt scheinbar von Gott entleert ist?
Das Bild entzieht sich einem schnellen Zugriff. Anstelle von Dogmen könnte Nachdenklichkeit treten. „Hier bin ich mit meinen eigenen Bildern“ oder auch: „Ich steh vor dir mit leeren Händen.“ An der rechten Seite lehnen drei dünne Stangen – oben drei Halterungen. Zeichen, Zeigestäbe, Konstruktionen. – Dann die Kugel als Symbol. Ein schwarzer senkrechter Balken markiert den Eingang durch den hohen Türbogen. Ein weiße Tür tut sich auf. „Ich bin die Tür.“ Eine Stufe oder Lichtschranke. Das Licht einer ganz anderen Welt bricht herein. – Licht: Symbol der Sehnsucht, des Erwartens, der Hoffnung. Licht: Symbol Gottes, der in unzugänglichem Lichte wohnt. Über der Tür ein graues Schild.
Pfarrer Hermann Kuhn
Das Hochaltar-Kreuz
Für die Neugestaltung des Altarraumes 1964 durch Architekt Merkle konnte auch der Künstler Franz Bucher gewonnen werden. Das von ihm geschaffene Altarkreuz wurde im Rahmen der Altarweihe am 3. September 1964 durch Weihbischof Dr. Adolf Kindermann (Königstein) geweiht.
Franz Bucher, 1929 in St. Gallen geboren und wohnhaft in Rottweil, war in den 60er-Jahren längst kein Unbekannter mehr. Eine Reihe von Ausstellungen machten sein Schaffen bekannt. Er erhielt den Villa-Romana-Preis von Florenz. 1959 bekam er den Oberschwäbischen Kunstpreis. Seit dem 18. August 1964 hat man in unserer Möhringer St. Hedwigskirche die Möglichkeit, seinen „Gekreuzigten“ zu betrachten.
Die Stuttgarter Presse merkt dazu Folgendes an:
Keine Detailarbeit alten Stils – wer wüsste ja wie Christus ausgesehen hat? Aber eine Wahrheit kündend, an der, biblisch begründet, niemand vorübergehen kann. „Alles an mich ziehen“ so kündet diese Wahrheit. „Kommet alle zu mir“, so sprechen die einladend überbetont ausgedehnten Arme und Hände. Und wie zum Entgegenschreiten bereit wirken die überlangen Glieder des unteren Leibes. Gewiss ein zum Sklaven Gewordener – das haarlose Haupt weist darauf hin –, ein von Menschen tief Gedemütigter und Entrechteter. Und doch auch wieder hoheitsvoll in der Gesamtwirkung.
Die Gemeindeleitung gab in einer Broschüre diese Interpretation:
Der Rottweiler Künstler B u c h e r hat uns dieses Hochaltarkreuz 1964 geschnitzt. Es konnte zur Zeit des Katholikentages in Stuttgart geweiht werden.
Der Corpus Christi ist nicht auf den Balken aufgelegt, sondern aus diesem als Hochrelief „herausgehoben“. Der Betrachter wird, wenn er bisher kein Verhältnis zur Kunst unserer Zeit hatte, manches an unserem Kreuz nicht finden, was er sonst gern gesehen hat und gern wieder sehen wollte (Feingegliederte Hände oder Füße, eine Herzenswunde, Haupt mit Dornenkrone u.a.). Unser Kreuz will etwas aussagen, was der Gläubige, der das Gotteshaus betritt, sofort aus dieser Art der Darstellung erfahren soll. Es will eine bestimmte Wahrheit künden:
„Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch gesund machen“. Oder: „Wenn ich am Kreuz erhöht sein werde, will ich alles an mich ziehen“.
Daher die lang gestreckten Arme zur Einladung und zum Umfangenwollen. Und ebenso die Füße, um gleichsam mit großen Schritten entgegengehen zu können! Es kommt dem Künstler also nicht auf anatomische Genauigkeit an, sondern auf die Tatsache, dass Christus für dich mit seiner ganzen liebenden Größe anwesend ist.
Wer näher hinzutritt, kann die Todesnot aus dem Antlitz Christi heraus erkennen, aus der Ferne gesehen lässt sich aber auch das Hoheitsvolle seiner Persönlichkeit nicht übersehen. Doch wie ein Gefangener (mit kahlem Haupt) ist er für uns geworden. Wir denken nach: Wer hat seine Leiden verursacht, wer ihn so gedemütigt? Und auf welche Weise hat er für uns gesühnt? Er nimmt; nichts von dem zurück, was er in den Tagen seines Wandelns den Menschen zugerufen lässt: „Kommet zu mir!“ „Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und den, der zu mir kommt, weise ich nicht zurück. Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das aber ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich von dem, was er mir gegeben hat, nichts verliere, sondern es am jüngsten Tage auferwecke.“ (Joh. 6, 37-40).
Der Bildhauer Paul Brandenburg gibt diese Erläuterungen zu seinem 1975 geschaffenen Kreuzweg in unserer Kirche:
Der Kreuzweg ist nicht in einzelnen, isolierten Stationen gestaltet, sondern in Gruppen zusammengefasst, die meist auch thematisch eine Einheit bilden. Der Rhythmus der Bewegung springt von einer Bildgruppe auf die nächste über und macht somit deutlich, dass der ganze Kreuzweg als eine Einheit erlebt werden sollte.
1. Station: Christus steht hoch aufgerichtet vor Pilatus. Sein Blick geht über diesen hinweg („er gab ihm keine Antwort“) und macht damit deutlich, dass dieser Mann mit der großrednerischen Gebärde auf dem Thron keine Macht aus eigener Kraft hat. („Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“) Das schreiende Volk hinter Christus stößt ihn aus seiner Gemeinschaft aus. Die leere Geste des Pilatus und die hasserfüllten Gesten des Volkes korrespondieren miteinander. Im Rücken des Volkes nimmt Christus das Kreuz auf.’
2. Station: Niemand drängt ihn, völlig freiwillig beginnt er seinen Leidensweg für uns.
3. Station: Christus bricht unter dem Kreuz nieder. Aber mehr noch scheint ihn der Hass der Menschen hinter ihm zu Boden zu stoßen. Vor ihm zwei Gestalten in neugierig-hilfloser Haltung: Wie oft sind wir in Schuld, nicht durch Hass, sondern durch Passivität, durch fehlendes Engagement im rechten Augenblick, durch Lauheit des Herzens.
4. Station: Maria umfängt Christus mit liebevoller Geste, während er sie mit seinem Kreuz umgreift. Die andere Hand Mariens weist ihn weiter auf dem Erlösungsweg. Beide tauchen mit ihrem Blick tief in das Gesicht des anderen ein. Eine Möglichkeit der Christusbegegnung ist hier dargestellt: Im Gebet, in der Meditation finden wir das Antlitz Christi.
5. Station: Im Gegensatz zu dieser „vita contemplativa“ ist in der nächsten Station die „vita activa“ dargestellt. Es ist die Christusbegegnung im Handeln im Geiste Christi. Simon von Cyrene geht in gleich gebückter Körperhaltung mit gleich gewendetem Kopf, mit Christus unter dem Kreuz! Im helfenden Dienst wird er Christus ähnlich.
6. Station: Die dritte Form der Christusbegegnung ist im Bilde der Veronika dargestellt. Oft fehlt uns die Kraft zu einem tiefen Gebet, wir haben nicht die Möglichkeit zum helfenden Dienst, dann genügt es auch schon zu tun wie Veronika: Ganz still, wartend kniet sie da, den Blick fragend auf Christus gerichtet. Nur mit ihren Armen macht sie eine weit öffnende Gebärde. Wenn wir uns nur öffnen, dann wird Christus in uns eintauchen und sein Bild einprägen.
7. Station: Der in Tatenlosigkeit verharrenden Gestalt antwortet Christus nicht. Er bricht zum zweiten Mal unter dem Kreuz nieder.
8. Station: Auch das leere, äußerliche Mitleid der weinenden Frauen in der achten Station weist Christus zurück: „Weint nicht über mich, weint über euch …“ Aber das Weinen über die eigene Schuld ist schon ein Akt der Buße. So scheint die Gebärde Christi auch nicht nur Abwehr, sondern auch Einladung zur Nachfolge zu sein.
9. Station: Christus bricht unter der Last des Kreuzes, unserer Schuld, völlig zusammen.
10. Station: Christus wurde in äußerster Erniedrigung Mensch und nun entäußert er sich noch aller menschlichen Würde, allen Schutzes, allen Besitzes. Sein Gewähren lassen zeigt seine völlige Einwilligung in diese letzte Erniedrigung. „Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und seinen Mund nicht auftut“ lässt sich Christus an das Kreuz schlagen.
11. Station: Ohne Gegenwehr hängt sein freier Arm herab mit einer einwilligenden Gebärde der Hand.
12. Station: Alle begleitenden Figuren treten nun zurück. In völliger Verlassenheit stirbt Christus am Kreuz. Wie ein Baumstamm mit sich gabelnden Ästen ist er als der neue Lebensbaum eingespannt zwischen Himmel und Erde.
13. Station: In der 13. Station hält Maria stehend Christus in ihren Armen und bietet diesen zerbrochenen Körper uns als das Versöhnungsopfer für unsere Schuld. Sie steht hier als die Gestalt der Kirche, die uns heute noch immer auf dem Altar dieses Opfer darbietet.
14. Station: In dieser Station ist das Grab wie ein offenes Tor gestaltet, ein Durchgang, kein Endpunkt. Davor drei Gestalten, die mittlere in trauernder Haltung. Die kniende Gestalt blickt auf und breitet die Arme aus – ist es Trauer vor dem Grab oder ist es eine Gebärde des Staunens am Ostermorgen vor dem leeren Grab. Genauso ist die andere stehende Figur doppelt zu deuten als klagend oder in der Vision der Auferstehung.
15. Station: In aufleuchtenden Strahlen geschieht der Umbruch von Leid zur Freude. Der Untergrund symbolisiert Strahlen, aber auch aufbrechende Materie. Christus nahm in seiner Auferstehung unsere Auferstehung und die Neuschöpfung der Welt am Ende der Zeiten vorweg. So ist eigentlich jetzt schon alles irdische Leid überwunden.
Das Heilige Grab
Am Ende der Karfreitagsliturgie, wenn der johanneische Bericht der Kreuzabnahme und der Grablegung verlesen und das zuvor verehrte Kreuz hinter den Altar getragen wird, enthüllen Ministranten das Hl. Grab, eine Liegefigur des toten Christus. Der Brauch kommt aus Jerusalem, wo er schon im 4. Jahrhundert bezeugt wird. Von dort fand er Ende des 10. Jahrhunderts den Weg in den Westen, wahrscheinlich im Zusammenhang der Heilig-Land-Fahrten frommer Pilger, später der Kreuzfahrer.
Die Abbildungen des im Grab liegenden Heilands möchten zur Meditation des Glaubensartikels „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ anregen. Nicht nur das Sterben, sondern auch das Totsein, oder besser: das Bei-den-Toten-Sein hat eine heilsrelevante Bedeutung. Selbst im Tod finden wir den Herrn. Es gibt keinen Bereich mehr, an dem wir Gott nicht finden könnten, weil er von Gott verlassen wäre.
Die Holzskulptur in St. Hedwig, laut Inschrift von „Ioh. Gförer in Ehingen 1865“ geschaffen, stellt den aufgebarten Leichnam Christi dar. Stilistisch erinnert die Figur an die Gotik, die im Historismus des 19. Jh. gerade auch für religiöse Kunst wieder aufgegriffen wurde.
Die Figur rechnet mit der Seitenansicht durch den Betrachter. Kopf und Oberkörper sind durch Keil und Kissen erhöht. Das strenge Profil des toten Heilands entspricht dem Kunstideal des vorletzten Jahrhunderts. Sein Oberkörper ist traditionell unverhüllt.
Die sparsame Modellierung des Körpers versetzt die Andachtsfigur in Distanz zum Betrachter. Die Blattgoldverzierungen und die Bemalung in dezenten Pastelltönen rücken Christus bereits in immaterielle, unnahbare Ferne.
Sibylle Miller und Heiko Merkelbach
Der Auferstandene
Die im Stil des süddeutschen Barocks gestaltete Holzskulptur (ca. 1780) entspricht in ihrer bewegten Form ganz dem theatralischen Bedürfnis jener Zeit. Dargestellt ist das österliche Mysterium, der Moment der Auferstehung.
Die Christusskulptur ist geprägt vom Gegensatz des kraftvollen, geradezu irdischen Oberkörpers, der allerdings durch die klaffende Lanzenstichwunde entstellt ist, zum vergeistigten Gesichtsausdruck. Der Blick des Auferstandenen verliert sich verklärt in der Höhe, der Mund ist erwartungsvoll geöffnet. Noch hier oder schon dort…?
Dieses leichte innere Ungleichgewicht unterstreichen die Arme: die Linke fasst kraftlos die Kreuzesfahne, während die Rechte zum verheißungsvollen Segensgestus erhoben ist.
Die Bemalung des ornamental drapierten Tuches, die Lüstrierung (rote und blaue Lasur auf silbernem Grund) stammt aus dem Jahr 1838, damals wurde die Skulptur von A. Kreutle (Inschrift auf der Rückseite) neugefasst. Diese Fassung wurde bei der Restaurierung 2003 wieder hergestellt.
Sibylle Miller


